Städtisches Bestattungswesen Meißen

Krematorium Meißen · Bestattung Meißen · Bestattungsinstitut Meißen

Leichen im Keller (ein Meißner Krimi)

Ein wolkenbedeckter Sommernachtshimmel versperrt mir die sonst so klare Sicht auf die Sterne. Ich saß wie jeden Abend auf der Bank meines Fensters und versuchte, mir unbekannte Sternenbilder einzuprägen.

Nach einem langen ermüdenden Arbeitstag bei Temperaturen von 30° C freute ich mich, dass es draußen durch den Regen langsam abkühlte. Der leicht dunstige, aber doch frische Geruch wirkt auf mich immer wieder entspannend. Dieser Sommerregen brachte jedoch ebenso eine drückende Schwüle mit sich, was das freie Durchatmen erschwerte.

Da ich weder den Kleinen Bären noch mein Sternbild Krebs sehen konnte, schaute ich mich in der Umgebung um. Als ich meinen Blick nach rechts wendete, sah ich zuerst das alte Gartenhaus und das dazugehörende kleine Einfamilienhaus, welches letztes Jahr fertig gebaut worden war. Eine junge Familie war dort eingezogen. An das Haus schließt sich ein weiteres an. Es ist seit Jahren unbewohnt und schon stark heruntergekommen. Die Besitzerin war nach dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren ausgezogen. Man könnte meinen, es stehe kurz vor dem Zerfall.

Irgendwie blieb mein Blick nach einer Weile an dem großen älteren Gebäude hängen, das 1931 gebaut wurde, dem Krematorium. Seit ich klein bin, wohne ich in dem Haus gegenüber. Es hat mich nie gestört, es war für mich schon immer da. In den Schulferien habe ich ab und zu dort gearbeitet. Seit dieser Zeit kenne ich mich dort etwas aus und besitze sogar noch einen Schlüssel.

Meine Augen hatten sich nun mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt. Der Regen hatte nachgelassen. Da sah ich etwas, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Mann in schwarzer Kleidung hievte gerade einen rätselhaften Haufen aus einem großen Transporter und beugte sich darüber. Personen in schwarzer Kleidung sind in einem Bestattungsunternehmen durchaus nicht ungewöhnlich, aber es war mittlerweile 22.30 Uhr. Die Spätschicht endete normalerweise um 21 Uhr.

Da ich ziemlich erledigt war und noch duschen musste, dachte ich nicht weiter darüber nach. Ich schlussfolgerte für mich selbst, dass der Haufen wahrscheinlich nur ein Sack voller Papierschnipsel war, die man für das Befüllen von Kissen braucht und dass dieser Mann Bestatter ist. Also schloss ich das Fenster und ging aus meinem Schlafzimmer ins Bad.
Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, sah ich erneut aus dem Fenster. Im Dunst war nichts mehr zu erkennen, es hatte wieder angefangen zu regnen. Also legte ich mich ins Bett. Keine halbe Stunde später war ich eingeschlafen. Zu meinem Leidwesen besitze ich einen sehr unruhigen Schlaf, weswegen ich auch aufwachte. Ich schaute auf die Uhr. Es war 2:36 Uhr. In diesem Moment nahm ich durch das angekippte Fenster einen Geruch wahr, der sich früher rings um das Krematorium verbreitete, als es dort noch keine Filter gab. Irgendwie war das ungewöhnlich, zumal nachts auch nur in sehr seltenen Fällen gearbeitet wird.

Aus diesem Grund schwang ich mich aus meinem Bett und versuchte, die Müdigkeit beiseitezuschieben. Ich ging in der Dunkelheit auf das Fenster zu und bemerkte einen weiteren Wagen, der neben dem Transporter stand. Es schien, als wäre er gerade erst angekommen. In dem Augenblick stieg der Fahrer aus dem schwarzen Auto. Er ging zum Kofferraum seines SUVs, machte die Klappe auf und holte ebenfalls einen Sack aus dem Auto. Der erste Mann kam dem zweiten aus der Leichenhalle, vor der sie geparkt hatten, entgegen und half ihm, den Sack nach drinnen zu tragen. Da ich den üblichen Ablauf im Krematorium kenne, wurde mir die ganze Sache langsam suspekt. Drei Dinge fielen mir auf. Der erste Mann war nach mehreren Stunden immer noch da. Es ist ungewöhnlich, dass zwei Männer einen Sack Papierschnipsel tragen. Und beide Männer waren ohne Bestattungswagen unterwegs. Jetzt konnte ich nicht mehr schlafen, die Sache interessierte mich und so blieb ich erstmal am Fenster stehen. Nachdem die Männer in der Leichenhalle waren, zog wieder Ruhe ein.  Auch auf der Straße war keine Bewegung. Das ist auch mitten in der Nacht nicht ungewöhnlich und in einer Kleinstadt noch viel weniger.

Eigentlich müsste ich jetzt die Polizei rufen, dachte ich. Aber was, wenn ich mich irre und es sind doch nur Bestatter? Dann kann ich mich nicht mehr so einfach zum Quatschen zu den Kollegen im Krematorium trauen, ohne Peinlichkeit zu verspüren. Dann bin ich nämlich der Inhalt ihrer schwarzen, aber trotzdem lieb gemeinten Witze. Von so einer Polizeiaktion weiß jeder spätestens am nächsten Nachmittag. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich mich erklären oder gar rausreden könnte.

So wartete ich eine Zeit lang. Allerdings passierte nichts, außer dass ich mich in meiner Müdigkeit mit frischem Kaffee bekleckert hatte. Schließlich hatte ich immer ein Auge auf die andere Straßenseite gerichtet.

Ich ging zu meinem Schrank und kramte in der Kiste herum, die ganz unten versteckt stand. Hier befand sich allerlei liebgewonnener Krimskrams, der sich in den letzten Jahren angesammelt hatte. Endlich fand ich, wonach ich gesucht hatte. In einer kleinen pinken Schatulle lag er. Der Schlüssel. Ich zog mir noch schnell einen Pullover und eine lange Hose an und machte mich auf den Weg zur gegenüberliegenden Straßenseite.

Nun stand ich unmittelbar vor dem Eingang des Krematoriums. Dieser war, wie vermutet, verschlossen. Bevor ich jedoch die Tür öffnete, schaute ich zuerst durch das schmale Fenster. Nichts war zu sehen. Also ging ich hinein. Es gibt genau vier Wege, um in den Keller zu gelangen, in dem die Leichen in zwei großen Öfen verbrannt werden. Der Weg von draußen durch den Technikraum oder über den Sargaufzug oder zwei Treppen, die jede von einer anderen Seite kommen. Da mir die Treppen am sinnvollsten schienen, entschied ich mich für eine der beiden. Die linke lag unmittelbar vor mir, die rechte zwei Türen weiter. Wenn ich die erste nehme, kann ich mich beim Öffnen der Tür unten nicht verstecken. Die zweite hingegen besitzt gar keine Tür und ich könnte mich geschickt hinter einer Wand verbergen.

Jedoch müsste ich an der Leichenhalle vorbeilaufen und ich wusste nicht, ob sich einer der Männer dort befand. Nach kurzer Überlegung beschloss ich, die zweite Treppe zu nehmen, auf die Gefahr hin, in der Kühlhalle entdeckt zu werden, denn ich hatte noch ein Ass im Ärmel. Im Notfall könnte ich in einem Zwischenraum, der in die zweite Etage führt, verschwinden. So wäre ich bereits unmittelbar in der Leichenhalle und könnte mich dann leise zwischen den Särgen anschleichen. Eine gute Idee.

So lief ich leise zum Zwischenraum und schloss ihn auf. Ich hörte keine Stimmen oder Geräusche. Langsam öffnete ich die Tür zur Leichenhalle. Niemand zu sehen. Aber ich erkannte, dass die Anlieferungstür von draußen aufgebrochen worden war. Sie war nicht mehr richtig verschlossen und auch die Dellen konnte ich erahnen. Die Kühlhalle lag nun hinter mir.
Auf einmal vernahm ich Stimmen, die eindeutig aus dem Keller kamen. Ein markanter Geruch nachverbranntem Fleisch und Zigarettenrauch zog zu mir. Nachdem ich die Treppen nach unten gegangen war und mich hinter der Mauer versteckt hatte, sah ich die Gesichter der Männer. Unbekannte Gesichter. Es waren definitiv keine Mitarbeiter, die ich kannte. Der Kleinere von ihnen hatte angetrocknetes Blut im Gesicht, dass aus offenen Platzwunden über den Augen und der Lippe geflossen ist und eine leichte Spur hinterlassen hatte, als hätte er sich geprügelt. Der größere Mann aus dem ersten Wagen hatte ein blaues Auge. Ich schaute genauer in den Keller hinein. Da mir die Männer den Rücken zugekehrten, hatte ich einen guten Überblick. Ich erkannte vier braune Säcke, die mittlerweile nasse dunkle Flecken bekommen hatten und auf den Boden tropften. Das bedeutete, dass der erste Mann weitere Säcke ausgeladen haben musste, als ich geschlafen hatte.

Ich hatte den Eindruck, dass sie dies möglicherweise nicht zum ersten Mal machten, sie kannten sich hier aus. Das war eigentlich unwahrscheinlich. Sie wussten, aber ohne langes Suchen oder zu überlegen, welche Knöpfe gedrückt werden mussten. Später fiel mir ein, dass die Bedienungsanleitung für die Öfen immer auf dem Arbeitstisch liegt. Dann ist es keine Kunst mehr. Man muss bloß lesen können.

Doch woher konnten sie so genau Bescheid wissen? Waren sie bei den regelmäßigen Betriebsführungen mit dabei gewesen oder hatten Sie als Angehörige die Einäscherung eines Verstorbenen begleitet? Diese Situation überstieg langsam meine Fähigkeiten. Schließlich wollte ich nicht als nächster in solch einem Sack landen. Als gelegentlicher Fitnessstudio-Besucher besitze ich zwar eine gewisse Kondition, aber das Risiko ist es dann doch nicht wert. Dementsprechend holte ich mein Handy aus der Hosentasche und machte ein Foto von den beiden sowie von den Säcken. Ich schlich zurück, raus aus dem Keller und dem gesamten Krematorium. Als ich hinter mir immer lauter werdende Stimmen vernahm, rannte ich, so schnell ich konnte, wieder zurück nach Hause. Glück gehabt. Die Haustür fiel ins Schloss. Ich war etwas außer Puste und in mir stieg ein kleiner Anflug von Erleichterung hoch. Erstmal in Sicherheit. Ich wählte mit meinem Handy, das ich noch immer in der Hand hielt, die Nummer der Polizei. Danach wusste ich, dass die Polizisten auf dem Weg sind.

In der Zeit, als ich auf sie wartete, dachte ich über das nach, was ich gerade gesehen hatte. Vor dem Krematorium parken zwei große Autos, die vielleicht zwei potentiellen Mördern gehörten, die gerade ihre Opfer im Keller verbrannten. Seit meiner Geburt lebe ich, wie meine Eltern und Großeltern vor mir, in dieser Kleinstadt und hier passiert nahezu nie etwas, vor allem nichts von dieser Art. Es war unglaublich und gruselig.

Ich stand die ganze Zeit über an meinem Fenster, während ich auf die Polizei wartete. Genau 15 Minuten nachdem ich sie angerufen hatte, sah ich ein Blaulicht die Straße hochkommen. Soweit ich beobachten konnte, war inzwischen niemand mehr hinein oder hinausgegangen. Als ich vorhin weggerannt bin, sind die Männer wahrscheinlich nur ein Müh hinter mir gewesen, aber sie hatten mich nicht entdeckt und haben den nächsten Sack in den Ofen geworfen. Es hatte sich zumindest so angehört, als ob irgendetwas Dumpfes fallen gelassen worden war. Bestimmt war es einer der bluttropfenden vier Säcke. In dem Moment bogen die Polizisten gerade in die Einfahrt. Es war nur ein Streifenwagen, anscheinend hatten sie den Ernst der Lage am Handy nicht verstanden und sie vermuteten vielleicht, dass ich nur halluzinierte.

Als die Polizisten ausstiegen, griffen die Männer hinter sich, zogen vier Waffen, die mir vorher nicht aufgefallen waren, und schossen. Die Polizisten hatten keine Möglichkeit zu reagieren. Sie hatten die Männer gar nicht kommen sehen, da diese im Schatten der Dunkelheit versteckt standen. Die Beamten fielen nach einigen Schüssen auf den Boden. Um sie herum bildete sich eine Blutlache. Durch das laute Geräusch der Schusswaffen gingen überall in der Nachbarschaft die Lichter in den Häusern an. Das war ein Zeichen für die Täter zu verschwinden. Sie rannten schnell zurück in das Gebäude und kamen keine 2 Minuten später mit einem Beutel in der Hand herausgerannt. Sie sprangen in ihre Autos und fuhren gerade davon, als die weiteren Polizeiautos um die Ecke bogen, welche aus der anderen Richtung kamen.

Die Uhr in meinem Zimmer sagte mir, dass es mittlerweile schon 4 Uhr morgens war. Und an Schlaf war gar nicht mehr zu denken. Ich lief nochmals auf das ältere Gebäude zu und ging zu einem Polizeibeamten. Ihm erzählte ich was geschehen war und zeigt ihm ebenfalls die Fotos, die ich gemacht hatte. Unterdessen schauten sich andere Beamte im Keller um und suchten nach Spuren. Alles schien sehr chaotisch zu sein. Draußen versuchten Rettungskräfte die angeschossenen Polizisten zu retten. Der erste Mann war direkt durch einen Kopfschuss gestorben und der zweite hatte zu viel Blut verloren, um noch gerettet zu werden. Das bedeutete, zu den verbrannten Opfern, die schon im Keller gelegen hatten, kamen noch zwei dazu.

Heute, fünf Tage nach den Geschehnissen, sitze ich an meinem offenen Fenster, schaue in die Sterne und denke darüber nach, was sich seit Tagen in den Medien abspielt. Die Täter wurden aufgrund der Handyfotos und Beweisspuren erkannt, beide wurden schon seit Jahren polizeilich gesucht. Sie werden aber niemals für ihre Verbrechen verurteilt werden, da sie Suizid begangen hatten, noch bevor ihr Standort lokalisiert wurden konnte. Es konnte auch nicht genau festgestellt werden, wer die Opfer waren, obwohl geringfügige Aschespuren gefunden wurden. Doch sie reichten nicht aus, um Genaueres sagen zu können. Der Beutel, den der kleinere Mann getragen hatte, war höchstwahrscheinlich mit Asche von den Opfern gefüllt gewesen. Dieser blieb aber verschollen.

Dieser Fall wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, über das nun jahrelang in der Kleinstadt geredet werden wird.  

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